Letow

Jegor Letow 1988 - Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Dichter, Sänger, Multiinstrumentalist, Komponist, Songwriter, Produzent, Tontechniker, Konzeptkunstmaler, Gründer mehrerer Konzeptkunst-Avantgardeprojekte - das alles war Jegor Fjodorowitsch Letow, der am 10. September 1964 in Omsk geboren wurde und am 19. Februar 2008 ebendort verstarb. Der Gründer und Leiter der legendären Rockband Гражданская оборона (Graschdanskaja Oborona, Zivilverteidigung, Bürgerwehr) dürfte der einzige Bandleader der Welt sein, der seine Gruppe zweimal auflöste, weil sie ihm zu populär wurde und er den Hype um die Band als Belästigung und störend für seine künstlerische Arbeit empfand.

Jegor Letow 1988 - Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Letows musikalische Karriere begann im Jahr 1982 mit der Gründung der Band Посев (Posew, Saat). Am 8. November 1984 gründete er mit Гражданская оборона die Band, mit der er in der ganzen Sowjetunion bei der Jugend berühmt und bei anderen Zeitgenossen berüchtigt wurde, was insbesondere die in den staatlichen Kulturor­gani­sationen und beim KGB tätigen betrifft. Jegor Letow hinterließ ein ungewöhnlich umfangreiches Werk, obwohl es ihm bis zum Ende der Sowjetunion nicht möglich war, seine Lieder legal zu publizieren. Letows Œuvre umfasst 822 Lieder auf insgesamt 51 Alben, die er in 24 Jahren verfasste, zum Vergleich - Bob Dylan brachte es auf 600 - in 60 Jahren. Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Kompo­sitionen Letows in seiner Drei-Zimmer-Wohnung im Гроб-Studio (GrOb für Graschdanskaja Oborona) im Erdgeschoss eines Wohnblocks aus den späten 1950er Jahren in Omsk eingespielt, in einem Wohnblock des Bautyps, der bis heute Хрущёвка (Chruschtschjowka) genannt wird. Die Begeisterung seiner Nachbarn in diesem hellhörigen Plattenbau über Letows musikalische Aktivitäten hielt sich in sehr überschaubaren Grenzen.

Im Studio - Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Letow publizierte seine Musik in den ersten Jahren als магнитоалЬбомы (Magnitoalbom, von магнитофонный алЬбом, das bedeutet magnetofonisches Album). Das waren Musikalben, die in Ermangelung eines Musikverlages - seinerzeit bis zum Ende der Sowjetunion gab es nur den staatlichen Verlag "Мелодия" (Melodija, Melodie) für die Publikation von Unterhaltungsmusik - von den Musikern auf einem Tonbandgerät eingespielt wurde, anfangs auf einem Kassettengerät, ab 1988 benutzte Letow dafür ein Gerät vom Typ "Олимп-003-стерео" (Olimp stereo, Bilder und technische Daten). Die Masterbänder wurden auf einige qualitativ hochwertige Masterkassetten kopiert, diese wurden in die ganze Sowjetunion verschickt und regional auf handelsübliche Musikkassetten vervielfältigt, welche in aller Regel kostenlos oder zum Selbstkostenpreis verteilt wurden. Später, ab Mitte der 1990er Jahre, wurden die erhalten gebliebenen Masterbänder digitalisiert und als CDs von verschiedenen russischen Independent-Labels im Auftrag von Гроб-Records verlegt - Jegor Letow hatte nie einen Plattenvertrag mit einem Major Label.

Im Studio - Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Vollständige Diskografie von Jegor Letow

Das Buch

Es gibt wohl keinen Musiker oder Künstler, der einen solchen Einfluss auf eine Entwicklung weltpolitischen Ausmaßes hatte, ich jedenfalls kenne keinen. Jegor Letow lieferte nicht nur den Sound zu einem welthistorischen Umbruch, sondern war gemeinsam mit Wiktor Zoi (Wikipedia) - beide voneinander unabhängig und jeder auf seine ganz besondere Weise - das musikalische Schwungrad dieses Umbruchs. Es gab und gibt wohl keinen zweiten Musiker, der so wütend, hartnäckig und ohne Rücksicht auf Verluste und Konsequenzen für sein eigenes Leben in die Speichen des Rades der Geschichte griff und dabei ein gewaltiges und bis heute nachwirkendes Werk hinterließ.

Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Letow ist der am meisten gecoverte Rockmusiker der Welt, und das vermutlich für alle Zeiten. Ich habe bei YouTube ohne große Mühe Coverversionen von 58 verschiedenen Liedern quer durch alle Genres von Rock, Pop und Liedermachern, von Rap und Techno bis zu Kinder- und Studentenchören und symphonischen Interpretationen gefunden. Üblicherweise wurden und werden etliche Pop- und Rockmusiker zwar oft mit einzelnen Liedern in zahllosen Versionen gecovert, aber eben nur mit je einer Handvoll Lieder und nicht mit so vielen. Gleichzeitig ist Letow bis heute der wohl umstrittenste Musiker Russlands, er wird entweder geliebt und hin und wieder wie ein Gott verehrt oder er wird ebenso inbrünstig gehasst. Die Haltung des russischen Staates und seiner Vertreter zu Letow und seinem Werk ist ambivalent, einerseits ist es schwierig, den wohl bedeutendsten Musiker der Populärmusik des Landes zu ignorieren - nichts­desto­trotz versucht man es nach Kräften, andererseits hört kein Vertreter der Staatsmacht - nicht nur in Russland - gerne die wütend zum Vortrag gebrachte Aufforderung »Убей в себе государство!« (Töte den Staat in dir, eine Liveversion des Liedes aus dem Jahr 2007 bei YouTube).

Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Wer also war dieser Mann? Letow war einer der kreativsten, produktivsten und zugleich am meisten unterschätzten Musiker der modernen Unterhaltungsmusik aller Genres, im Westen ist er praktisch unbekannt. Gelegentlich wird er in westlichen Fach­publi­kationen erwähnt, doch fast immer wird er dabei auf den Punkmusiker und auf sein Engagement mit dem Mitgliedsbuch Nummer vier für die National­bolsche­wistische Partei Russlands unter Eduard Weniaminowitsch Limonow (Wikipedia) in den Jahren von 1994 bis 1998 reduziert, was ihm als Mensch und seinem Werk nicht im Mindesten gerecht wird. Ob das aus Ignoranz oder Unwissenheit geschieht, wobei diese freilich in der Regel aus Ersterem resultiert, sei dahingestellt - Letows Qualitäten als Poet, seine herausragende Lyrik in der Tradition der russisch-sowjetischen Avantgarde und im Spätwerk in der des Silbernes Zeitalters (Wikipedia), die Alben der experimentellen Phasen und Projekte wie Коммунизм (Kommunismus) und Егор и Опизденевшие [*] und der Umstand, dass er im Spätwerk - was nur wenigen Künstlern der Populärmusik gelingt - einen zeitlosen Stil sui generis inklusive einer bemerkenswert kraftvollen Stimme mit präziser Artikulation und Intonation und einem ausdrucksstarken Vibrato entwickelte - all diese Facetten seines Lebens und Wirkens werden in aller Regel ignoriert. Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Dieses Buch soll das ändern, mit ihm lege ich die meines Wissens erste, umfassende deutschsprachige Monografie dieses Ausnahmemusikers im historischen Kontext jener Zeit vor. Mir geht es insbesondere darum, mit einigen Vorurteilen und Miss­ver­ständ­nissen aufzuräumen, die hin und wieder durch die Medien und sozialen Netzwerke geistern, sofern Letow hierzulande Erwähnung findet. Weil es einerseits zu Letows Lebensweg gehört und deshalb auch in einer Monografie, die diesen Namen verdient, Platz finden muss und weil andererseits das allgemeine Wissen um diese Ideologie und ihre russischen und deutschen Protagonisten bestenfalls rudimentär ist, nichtsdestotrotz aber bei bloßer Erwähnung bei den meisten Zeitgenossen hierzulande veritable Schnappatmung verursacht, gehe ich auch auf den Nationalbolschewismus ausführlicher ein.

Schließlich noch zur Verfahrensweise - ich habe fast ausschließlich russische Originalquellen gesucht, selbst übersetzt und ausgewertet. Besonders wertvoll erwiesen sich die Texte des Letow-Seminars mit dem Titel "Das Phänomen Jegor Letow in der wissenschaftlichen Beleuchtung" (Quelle), das am 10. September 2014 anlässlich des 50. Geburtstags von Jegor Letow als Kooperation der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität Moskau РГГу und der philologischen Fakultät der Staatlichen Universität Fjodor Michailowitsch Dostojewski Omsk ОмГу ins Leben gerufen wurde und seitdem einmal monatlich stattfindet. Dazu kommen zahlreiche Berichte und Zeugnisse von Letows Weggefährten und Zeitgenossen und etliche Interviews, die Letow selbst gab. So gesehen ist das Buch weniger ein Produkt meiner eigenen Erkenntnisse, sondern eine Kompilation der in meine eigenen Worte gefassten Aussagen verschiedenster russischer Primär- und Sekundärquellen, die natürlich alle referenziert sind. Zitate sind als solche ausgewiesen und referenziert. In einigen Punkten sind die Aussagen der Zeitzeugen sehr widerspüchlich, insbesondere in jenen, die seinen Charakter und seinen Einfluss auf die russische Populärmusik betreffen. In solchen Fällen habe ich die Aussagen nebeneinander gestellt.
Alle zitierten Texte Letowscher Lieder sind eigene Übersetzungen.

Verzeichnis der Buch verwendeten Quellen (mit aktiver Verlinkung)

Zur Umschrift russischer Schriftzeichen - da das Buch zwar einen zeithistorischen, aber keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, wurde zur Umschrift russischer Schriftzeichen - zumal sie der Lesbar- und Verstehbarkeit nicht eben zuträglich ist - auf eine Transliteration nach GOST, DIN, BSI oder ALA verzichtet, sondern es wurde nach Duden-Regeln transkribiert (Universität Heidelberg, Institut für Übersetzen und Dolmetschen).

[*] Der Name geht nach Letows Aussage in einem Interview aus dem Jahr 1998 auf seinen Zustand zurück, dem er sich im Jahr 1990 nach einer langen Wanderung im Ural ausgesetzt sah. Er zog sich dabei durch einen Zeckenbiss eine schwere Enzephalitis zu und diese in Verbindung mit der sehr starken Medikation rief einen Gemütszustand anhaltender, starker Verwirrtheit hervor. Der Name ist schwer übersetzbar, weil er auf einem der vier Wortstämme des russischen мат basiert, nämlich auf пизда (pisda) mit vielen Bedeutungen, was in der wörtlichen Übersetzung eine vulgäre Anspielung auf die Vagina ist. Zu beachten ist dabei Wilhelm von Timroths Feststellung »Mat ist die Gesamtheit der im übertragenen Sinne gebrauchten Wörter ебать, пизда und хуй und der von den Stämmen [dieser] Wörter abgeleiteten sexuellen Ausdrücke, die Nichtsexuelles bezeichnen.« (Timroth, 1983) Im konkreten Kontext bedeutet опизденевшие in etwa - eher freundlich übersetzt - "die dämlich Glotzenden", "die Verwirrten".

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