Letow

Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Es gibt wohl keinen Musiker oder Künstler, der einen solchen Einfluss auf eine Entwicklung weltpolitischen Ausmaßes hatte, ich jedenfalls kenne keinen. Jegor Letow lieferte nicht nur den Sound zu einem welthistorischen Umbruch, sondern war gemeinsam mit Wiktor Zoi (Wikipedia) - beide voneinander unabhängig und jeder auf seine ganz besondere Weise - das musikalische Schwungrad dieses Umbruchs. Es gab und gibt wohl keinen zweiten Musiker, der so wütend, hartnäckig und ohne Rücksicht auf Verluste und Konsequenzen für sein eigenes Leben in die Speichen des Rades der Geschichte griff und dabei ein gewaltiges und bis heute nachwirkendes Werk hinterließ.

Dichter, Sänger, Multiinstrumentalist, Komponist, Songwriter, Produzent, Tontechniker, Konzeptkunstmaler, Gründer mehrerer Konzeptkunst-Avantgardeprojekte - das alles war Jegor Fjodorowitsch Letow, der am 10. September 1964 in Omsk geboren wurde und am 19. Februar 2008 ebendort verstarb. Der Gründer und Leiter der legendären Rockband Гражданская оборона (Graschdanskaja Oborona, Zivilverteidigung, Bürgerwehr) dürfte der einzige Bandleader der Welt sein, der seine Gruppe zweimal auflöste, weil sie ihm zu populär wurde und er den Hype um die Band als Belästigung und störend für seine künstlerische Arbeit empfand.

Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Letow ist der am meisten gecoverte Rockmusiker der Welt, und das vermutlich für alle Zeiten. Ich habe bei YouTube ohne große Mühe Coverversionen von 58 verschiedenen Liedern quer durch alle Genres von Rock, Pop und Liedermachern, von Rap und Techno bis zu Kinder- und Studentenchören und symphonischen Interpretationen gefunden. Üblicherweise wurden und werden etliche Pop- und Rockmusiker zwar oft mit einzelnen Liedern in zahllosen Versionen gecovert, aber eben nur mit je einer Handvoll Lieder und nicht mit so vielen. Gleichzeitig ist Letow bis heute der wohl umstrittenste Musiker Russlands, er wird entweder geliebt und hin und wieder wie ein Gott verehrt oder er wird ebenso inbrünstig gehasst. Die Haltung des russischen Staates und seiner Vertreter zu Letow und seinem Werk ist ambivalent, einerseits ist es schwierig, den wohl bedeutendsten Musiker der Populärmusik des Landes zu ignorieren - nichts­desto­trotz versucht man es nach Kräften, andererseits hört kein Vertreter der Staatsmacht - nicht nur in Russland - gerne die wütend zum Vortrag gebrachte Aufforderung »Убей в себе государство!« (Töte den Staat in dir, eine Liveversion des Liedes aus dem Jahr 2007 bei YouTube).

Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Letows musikalische Karriere begann im Jahr 1982 mit der Gründung der Band Посев (Posew, Saat). Am 8. November 1984 gründete er mit Гражданская оборона die Band, mit der er in der ganzen Sowjetunion bei der Jugend berühmt und bei anderen Zeitgenossen berüchtigt wurde, was insbesondere die in den staatlichen Kulturor­gani­sationen und beim KGB tätigen betrifft. Jegor Letow hinterließ ein ungewöhnlich umfangreiches Werk, obwohl es ihm bis zum Ende der Sowjetunion nicht möglich war, seine Lieder legal zu publizieren. Letows Œuvre umfasst 822 Lieder auf insgesamt 51 Alben, die er in 24 Jahren verfasste, zum Vergleich - Bob Dylan brachte es auf 600 - in 60 Jahren. Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Kompo­sitionen Letows in seiner Drei-Zimmer-Wohnung im Гроб-Studio (GrOb für Graschdanskaja Oborona) im Erdgeschoss eines Wohnblocks aus den späten 1950er Jahren in Omsk eingespielt, in einem Wohnblock des Bautyps, der bis heute Хрущёвка (Chruschtschjowka) genannt wird. Die Begeisterung seiner Nachbarn in diesem hellhörigen Plattenbau über Letows musikalische Aktivitäten hielt sich in sehr überschaubaren Grenzen.

Im Studio - Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Letow publizierte seine Musik in den ersten Jahren als магнитоалЬбомы (Magnitoalbom, von магнитофонный алЬбом, das bedeutet magnetofonisches Album). Das waren Musikalben, die in Ermangelung eines Musikverlages - seinerzeit bis zum Ende der Sowjetunion gab es nur den staatlichen Verlag "Мелодия" (Melodija, Melodie) für die Publikation von Unterhaltungsmusik - von den Musikern auf einem Tonbandgerät eingespielt wurde, anfangs auf einem Kassettengerät, ab 1988 benutzte Letow dafür ein Gerät vom Typ "Олимп-003-стерео" (Olimp stereo, Bilder und technische Daten). Die Masterbänder wurden auf einige qualitativ hochwertige Masterkassetten kopiert, diese wurden in die ganze Sowjetunion verschickt und regional auf handelsübliche Musikkassetten vervielfältigt, welche in aller Regel kostenlos oder zum Selbstkostenpreis verteilt wurden. Später, ab Mitte der 1990er Jahre, wurden die erhalten gebliebenen Masterbänder digitalisiert und als CDs von verschiedenen russischen Independent-Labels im Auftrag von Гроб-Records verlegt - Jegor Letow hatte nie einen Plattenvertrag mit einem Major Label.

Vollständige Diskografie von Jegor Letow

Die Bücher

Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Wer also war dieser Mann? Letow war einer der kreativsten, produktivsten und zugleich am meisten unterschätzten Musiker der modernen Unterhaltungsmusik aller Genres, im Westen ist er praktisch unbekannt. Gelegentlich wird er in westlichen Fach­publi­kationen erwähnt, doch fast immer wird er dabei auf den Punkmusiker und auf sein Engagement mit dem Mitgliedsbuch Nummer vier für die National­bolsche­wistische Partei Russlands unter Eduard Weniaminowitsch Limonow (Wikipedia) in den Jahren von 1994 bis 1998 reduziert, was ihm als Mensch und seinem Werk nicht im Mindesten gerecht wird. Ob das aus Ignoranz oder Unwissenheit geschieht, wobei diese freilich in der Regel aus Ersterem resultiert, sei dahingestellt - Letows Qualitäten als Poet, seine herausragende Lyrik in der Tradition der russisch-sowjetischen Avantgarde und im Spätwerk in der des Silbernes Zeitalters (Wikipedia), die Alben der experimentellen Phasen und Projekte wie Коммунизм (Kommunismus) und Егор и Опизденевшие [*] und der Umstand, dass er im Spätwerk - was nur wenigen Künstlern der Populärmusik gelingt - einen zeitlosen Stil sui generis inklusive einer bemerkenswert kraftvollen Stimme mit präziser Artikulation und Intonation und einem ausdrucksstarken Vibrato entwickelte - all diese Facetten seines Lebens und Wirkens werden in aller Regel ignoriert.

Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Diese Bücher sollen das ändern. Mit Jegor Letow - Leben, Werk, Vermächtnis lege ich die meines Wissens erste, umfassende deutschsprachige Monografie dieses Ausnahmemusikers im historischen Kontext jener Zeit vor. Mir geht es insbesondere darum, mit einigen Vorurteilen und Miss­ver­ständ­nissen aufzuräumen, die hin und wieder durch die Medien und sozialen Netzwerke geistern, sofern Letow hierzulande Erwähnung findet. Weil es einerseits zu Letows Lebensweg gehört und deshalb auch in einer Monografie, die diesen Namen verdient, Platz finden muss und weil andererseits das allgemeine Wissen um diese Ideologie und ihre russischen und deutschen Protagonisten bestenfalls rudimentär ist, nichts­desto­trotz aber bei bloßer Erwähnung bei den meisten Zeitgenossen hierzulande veritable Schnappatmung verursacht, gehe ich auch auf den Nationalbolschewismus ausführlicher ein.

Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Mit Jegor Letow - 30 Lieder in deutscher Übersetzung will ich dem deutsch­sprachigen Leser, der nicht über Kenntnisse der russischen Sprache verfügt, die außerordentliche lyrische Qualität eines Musikers aufzeigen, der landläufig aus Ignoranz oder Unkenntnis dem Punk-Genre zugerechnet wird, womit sich für die allermeisten Zeitgenossen die Frage nach der Qualität der Texte sofort erübrigt. Ich habe aus der Vielzahl der von Letow selbst verfassten Texte dreißig ausgewählt und selbst übersetzt, die ich für beispielhaft in den verschiedenen Schaffensphasen halte und die zugleich Letows Weltsicht und deren Entwicklung verdeutlichen. Als ich - zunächst nur aus Interesse - die ersten Texte übersetzte, war ich selbst überrascht über deren poetische Kraft und lyrische Tiefe. Was nicht heißt, dass man alle Aspekte der Letowschen Sicht auf die Welt teilen muss, das tut man schließlich mit der Lektüre anderer Poeten und Autoren auch nicht - zumindest dann nicht, wenn man zum "Denken ohne Geländer" fähig ist, wie Hannah Arendt diesen Prozess kognitiver Selbstermächtigung nannte. Die Texte veranschaulichen einerseits in der frühen Phase bis zum Zerfall der Sowjetunion den Zorn einer ganzen Generation junger Menschen in der Zeit der Stagnation ab Mitte der 1970er Jahre und das Festhalten an der Utopie einer gerechten Gesellschaft in der mittleren Phase. In der letzten Schaffensphase sind die Text lyrischer als jene der ersten Phasen und sie sind von einer Tiefe und reflektorischen Qualität gekennzeichnet, die man als altersweise bezeichnen könnte, wenn Letow dafür nicht noch viel zu jung gewesen wäre. Freilich gibt es Kritiker, die gerade diese Text für morbide und deprimierend halten, was sie aber - auch das will ich mit den Übersetzungen zeigen - keineswegs sind. Sie beschreiben die Welt und die Vergeblichkeit menschlichen Strebens, sofern es über rein materielle Belange hinausgeht, auf eine Weise, wie sie im Westen unüblich ist und die stark von einem uns unbekannten Phänomen offensichtlich speziell russischer Gemütsverfassung geprägt ist, das dort mit dem unübersetzbaren Begriff тоска (toska) bezeichnet wird. Ich beschreibe im Buch, was darunter zu verstehen ist.

Schließlich noch zur Verfahrensweise - ich habe fast ausschließlich russische Originalquellen gesucht, selbst übersetzt und ausgewertet. Besonders wertvoll erwiesen sich die Texte des Letow-Seminars mit dem Titel "Das Phänomen Jegor Letow in der wissenschaftlichen Beleuchtung" (Quelle), das am 10. September 2014 anlässlich des 50. Geburtstags von Jegor Letow als Kooperation der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität Moskau РГГу und der philologischen Fakultät der Staatlichen Universität Fjodor Michailowitsch Dostojewski Omsk ОмГу ins Leben gerufen wurde und seitdem einmal monatlich stattfindet. Dazu kommen zahlreiche Berichte und Zeugnisse von Letows Weggefährten und Zeitgenossen und etliche Interviews, die Letow selbst gab. So gesehen ist das Buch weniger ein Produkt meiner eigenen Erkenntnisse, sondern eine Kompilation der in meine eigenen Worte gefassten Aussagen verschiedenster russischer Primär- und Sekundärquellen, die natürlich alle referenziert sind. Zitate sind als solche ausgewiesen und referenziert. In einigen Punkten sind die Aussagen der Zeitzeugen sehr widerspüchlich, insbesondere in jenen, die seinen Charakter und seinen Einfluss auf die russische Populärmusik betreffen. In solchen Fällen habe ich die Aussagen nebeneinander gestellt.

Jegor Letow - das Buch von Neidthard Kupfer

Bei den Übersetzungen der Letowschen Lieder bemühe ich mich, so dicht am Original zu bleiben, wie das möglich und dabei für die deutschsprachigen Leser verständlich ist. Mein Interesse liegt - zumal sich meine lyrischen Ambitionen in überschaubaren Grenzen halten - nicht in Nachdichtungen, worin sich viele Übersetzer fremdsprachiger Lyrik versuchen, sondern in einer möglichst exakten Wiedergabe der Intention der Letowschen Lyrik. Mitunter ist das schwierig, insbesondere dann, wenn Letow in seinen Liedern hierzulande unbekannte Redewendung und russischen Mat verwendet. In solchen Fällen erläutere ich in Fußnoten resp. Anmerkungen meine Vorgehensweise. Dort weise ich auch auf eventuelle Besonderheiten im russischen Original wie zum Beispiel Wortspiele und historische Bezüge hin, die in der Übersetzung naturgemäß nicht funktionieren. Lediglich in die Interpunktion habe ich der besseren Lesbarkeit wegen editierend eigegriffen. Ich lege die Übersetzungen mit freundlicher Genehmigung von Frau Natalja Jurewna Tschumakowa-Letowa vor.

Verzeichnis der Buch verwendeten Quellen (mit aktiver Verlinkung)

Zur Umschrift russischer Schriftzeichen - da das Buch zwar einen zeithistorischen, aber keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, wurde zur Umschrift russischer Schriftzeichen - zumal sie der Lesbar- und Verstehbarkeit nicht eben zuträglich ist - auf eine Transliteration nach GOST, DIN, BSI oder ALA verzichtet, sondern es wurde nach Duden-Regeln transkribiert (Universität Heidelberg, Institut für Übersetzen und Dolmetschen).

[*] Der Name geht nach Letows Aussage in einem Interview aus dem Jahr 1998 auf seinen Zustand zurück, dem er sich im Jahr 1990 nach einer langen Wanderung im Ural ausgesetzt sah. Er zog sich dabei durch einen Zeckenbiss eine schwere Enzephalitis zu und diese in Verbindung mit der sehr starken Medikation rief einen Gemütszustand anhaltender, starker Verwirrtheit hervor. Der Name ist schwer übersetzbar, weil er auf einem der vier Wortstämme des russischen мат basiert, nämlich auf пизда (pisda) mit vielen Bedeutungen, was in der wörtlichen Übersetzung eine vulgäre Anspielung auf die Vagina ist. Zu beachten ist dabei Wilhelm von Timroths Feststellung »Mat ist die Gesamtheit der im übertragenen Sinne gebrauchten Wörter ебать, пизда und хуй und der von den Stämmen [dieser] Wörter abgeleiteten sexuellen Ausdrücke, die Nichtsexuelles bezeichnen.« (Timroth, 1983) Im konkreten Kontext bedeutet опизденевшие in etwa - eher freundlich übersetzt - "die dämlich Glotzenden", "die Verwirrten".

Inhalt

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Die Bücher sind ab 31. Juli 2022 als Taschenbuch und Ebook exklusiv bei Amazon erhältlich.

Warum ausgerechnet der 31. Juli als Erscheinungstag der Bücher? An diesem Tag jährt sich der letzte Auftritt von Jegor Letow mit Graschdanskaja Oborona in Berlin und Deutschland zum zwanzigsten Mal. (Es gab am 5. August 2002 noch einen Soloauftritt Letows Im Berliner Kaffee Burger.) Er fand unter lebhafter Anteilnahme der Berliner Antifa statt, die den Auftritt des "sibirischen Dorfdeppen" (O-Ton der Verlautbarung) und seiner Band unbedingt verhindern wollte, in der man - sich auf einen Artikel aus dem Feuilleton der "Welt" berufend - eine "faschistoide Band" erkannt zu haben glaubte. Das gelang den wackeren Antifaschisten für den ursprünglich geplanten Auftritt im Tacheles auch, er fand stattdessen im Mudd Club statt. Mehr zu dieser, nun ja, denkwürdigen Episode im Kampf der Antifa für das Wahre, Schöne und Gute an und für sich im Buch "Jegor Letow - Leben, Werk, Vermächtnis". Ich für meinen Teil ärgere mich bis heute darüber, dass ich dieses Konzert verpasste.